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Was ist eigentlich Weihnachtsmusik?
(Westfälische Nachrichten, 17.12.2004)

Biographisches

zurück Patrick Pagendarm blickt in die Geschichte festlicher Lieder 

Tecklenburg - Leeden  Dieser Frage ging am Mittwoch der Leiter des Leedener Kirchenchores, Patrick Pagendarm nach. In unterhaltsamer und mitreißender Manier brachte er vor einem interessiert lauschenden Publikum charakteristische  Musikstücke zu Gehör. Einige beispielhafte Lieder wurden gemeinsam gesungen.

Typische musikalische Ausdrucksformen traditioneller Weihnachtsmusik  sind der wiegende Sechsviertel-Takt  bei Krippenliedern, z.B. „Joseph, lieber Joseph mein“, und der spezielle Siciliano-Rhythmus der Hirtenmusik (Pastorale) mit ihrem Bordunbass. Die Pastoralmusik stammt von den Pifferari (italienischen Hirten), die in der Weihnachtszeit mit Flöten und Schalmeien vor Madonnenbildern musizierten. Bekannteste Vertreter sind Arcangelo Corelli und Giuseppe Torelli mit ihren Weihnachtskonzerten (Concerti grossi). Von den italienischen Meistern gelernt haben Johann Sebastian Bach (Sinfonia in seinem Weihnachtsoratorium) und Georg Friedrich Händel (Pastoral-Zwischenspiel im Messias).

Weihnachtslieder sind natürlich an ihren Texten erkennbar. Der Ursprung der gesungenen Texte, die das Weihnachtsgeschehen thematisieren, liegt im Mittelalter. Als Teil der Liturgie sang der Priester bei der Mitternachtsmesse lateinische Lieder. Allmählich wurden die Kirchenbesucher einbezogen, und die Krippenspiele kamen auf. Die Zuhörer im Stiftshof erfuhren in diesem Zusammenhang von dem barocken Brauch des Kindelwiegens, bei dem – begleitet von Wiegenliedern oder Pastoralmusik – die Kinder während der Christmette an der Krippe vorbeiziehen und sie schaukeln. Zu den ältesten Stücken des 13. bis 15. Jh. gehören das In dulci jubilo ( Nun singet und seid froh) und der Quempas (Quem pastores laudavere – den die Hirten lobeten sehre).

Ihnen folgten ab dem 16. Jh. christliche Verkündigungslieder, die den des Lesens unkundigen Leuten die biblische Botschaft im Gesang beibrachten. Vor allem die Reformation trug zur Popularisierung des Weihnachtsliedes bei. Allen voran erkannte Martin Luther mit seinen Weihnachtschorälen und eindrucksvollen deutschen Texten die Gemeinschaft stärkende Wirkung des Liedes im Gottesdienst.  Beispielhaft zu nennen ist sein Lied Vom Himmel hoch.

Nach der Beseitigung freiheitlicher Bestrebungen durch die Restauration im 19. Jh. zog sich das Bürgertum ins Privatleben zurück und pflegte den  Biedermeierstil. Musiziert wurde in Privatkreisen. Das Musizieren wurde Bestandteil standesgemäßer bürgerlicher Erziehung. So entstanden volkstümliche Weisen wie O Tannenbaum,  Kommet, ihr Hirten,  Leise rieselt der Schnee und Süßer die Glocken nie klingen, mit einem verinnerlicht beschaulichen Charakter.

Ab Mitte des 20. Jh. erfuhr das Weihnachtslied eine kommerzielle, massenmediale Verbreitung bis hin zum  Pop und Techno-Sound, wogegen die neuen geistlichen Lieder (z.B. Weil Gott in tiefster Nacht erschienen) auf den gottesdienstlichen Bereich begrenzt blieben. Die meisten Medien-Hits vermitteln nicht mehr die biblische Weihnachtsbotschaft, sondern menschliche Stimmungsbilder.

Manche geistliche Weihnachtslieder entstanden durch Kontrafakturen, d. h. durch Übernahme von Melodien anderer, oft weltlicher Lieder. Hierzu gehört das Lied O du fröhliche: Johann Gottfried Herder publizierte die Melodie eines sizilianischen Schifferliedes – des Marienliedes „O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria“ –, wozu Johannes Daniel Falk 1819 die erste und Heinrich Holzschuher 1829 die zweite und dritte  Strophe dichtete.

Manfred Rosenthal